Anmerkungen zu Festival, Utopie und Gemeinschaft

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von Maike Tödter
Vielerorts denken FestivalmacherInnen über andere, bessere Versionen unserer Gegenwart und Zukunft nach. Doch warum eigentlich? Warum gehört eine anständige Utopie zum guten Ton in der Welt der Theater- und Kunstfestivals?
(1) Utopieanfällig. Es klingt nach etwas krankhaftem, nach der Gefahr, bei zu viel Elan den Träumen von einer besseren Zukunft zu erliegen. Dies scheint immer wieder auch Festivals zu passieren, wenn man der Theaterwissenschaftlerin Miriam Drewes glaubt, die das Theater als Ort der Utopie (so auch der Titel ihres Buches) in seinen Ausformungen untersucht. Eine dieser Ausformungen seien Theaterfestivals. Das Theaterfestival werde „als der ausgezeichnete Ort verstanden, an dem, in bewusster Opposition zum etablierten Theaterbetrieb, nicht-repräsentationale Spielformen Programm und Ästhetik dominieren. Dabei wird sich zeigen, dass eine derartige Rhetorik Deutungsmuster bedient, die schon je im Fest den utopischen Ort zur Herstellung einer intakten und ausgezeichneten Gemeinschaft bemühten.“ Jenen Festivalrhetoriken und Festtheorien ist gemein, dass die genaue Natur der herzustellenden bzw. wiederherzustellenden Gemeinschaft nicht näher definiert wird. Intakte Gemeinschaft also gleich Utopie? Verfolgen Festivals also den perfiden Plan, uns alle durch das Fest im Festival wieder zusammenzuführen im Vertrauen darauf, dass dann alles gut wird? Oder sind sie selbst Opfer einer Angst des postmodernen Individuums, welches vor lauter Optionen keine gemeinsamen Nenner mehr in der Gesellschaft zu finden glaubt? In beiden Fällen wäre doch die Utopie, im Sinne eines grundsätzlichen Verbesserungsentwurfs für irgendwie alle und irgendwie alles, nicht die schlechteste Orientierung, wenn man denn schon auf der Suche nach einem Ziel ist.
Ein Grund, ihnen zu misstrauen, seien die vorgefundenen Festtheorien, welche vielen Festivalprogrammatiken innewohnen. Diesen Festtheorien wiederum liegt ein Paradigma zugrunde, ohne dass sie selbst, sogar das ganze Theater, die ganze Kunst, möglicherweise in Legitimationsschwierigkeiten gerieten: die Gesellschaft ist kaputt. Nun, vielleicht nicht einfach kaputt, aber durchaus disparat, prekär, nicht intakt. Und sicher, wer von uns würde behaupten wollen, wir lebten in der besten aller Welten? Worin genau das Defizitäre der gegenwärtigen Gesellschaft liegt, differiert jedoch von Epoche zu Epoche, von Ort zu Ort, von Schwerpunktsetzung zu Schwerpunktsetzung. Festtheorien beschreiben die Gesellschaft, wie sie ist, wie sie sein sollte und wie sie sein könnte (im Schlechten, wie im Guten) – und verrennen sich dabei allzuhäufig in Dichotomien, die so real nicht existieren. Festtheorien schreiben es dem Fest zu, jene außeralltäglichen Zustände, jenes „wie es sein könnte“, immer wieder temporär herzustellen. Für die heutige Zeit könnte das z.B. so aussehen: wir sind eine Gesellschaft von verstreuten Individuen mit verhältnismäßig vielen, hochkomplexen und dennoch tendenziell losen sozialen Beziehungen. Sowohl diese Beziehungen als auch andere alltängliche Strukturen sind im Vergleich zu früher außerdem extrem beschleunigt. Es gibt weniger normgebende Faktoren, mehr Freiheit, aber auch weniger Orientierungsmöglichkeiten bei zunehmendem Entscheidungsnotstand. Es ergeben sich für das Subjekt Kommunikationsprobleme, Synchronisationsprobleme und Leistungsdruck auf allen Ebenen. Hinzu kommen eine erschwerte Situation der Lebensräume, urbane Umfelder, die große Reibung erzeugen und Arbeitswelten, in denen der/die Einzelne so gefordert und gleichzeitig so marginalisiert ist, wie nie zuvor. Zugegeben: diese Gemeinschaft (sofern man denn überhaupt von einer solchen sprechen kann) klingt ungemütlich. Diese Gemeinschaft braucht mindestens eine Utopie.
Utopien haben die Eigenschaft, am besten zu funktionieren, wenn sie entrückt und auf Elementen begründet sind, welche in der Realität rar und begehrt geworden sind, z.B. Freizeit, finanzielle Sorglosigkeit, Sicherheit. Der erstrebenswerten Ort, der das Versprechen dieser besseren Welt beinhaltet, ist immer in irgendeiner Form entrückt, beispielsweise durch die Verlegung in die Zukunft oder in parallele Dimensionen – fest steht, die Utopie ist per se immer woanders, nicht hier, niemals jetzt.
Utopien schlagen leicht in ihr Gegenstück um1 bzw. sind immer nur eine Kehrseite der Medaille, was z.B. der Science Fiction Produktion in Wort und Bild seit jeher dramaturgisch zugute gekommen ist.
(2) Utopien sind keine Problemlösungsstrategien, sondern Szenarien. Sie sind immer schon der Zustand nach der Problemlösung. Der utopische Blick richtet sich aus einer fiktiven Retrospektive heraus auf die problematisierten Gegenstände und Sachverhalte und spart den Prozess des Lösens selbst aus. Das kann produktiv sein, wenn dieser Blick z.B. bestimmte Paradigmen, Dogmen und konstruierte Kausalitäten als das enttarnt, was sie sind. Alternativlosigkeit wird entkräftet, indem man die Alternative einfach einmal ausprobiert. Prognosen und Warnungen können in den Wind geschlagen werden, sie mögen sich einlösen oder auch nicht – alles ist möglich, denn es ist nur ein Testlauf, nur ein Szenario. Utopien zu verwirklichen ist also meist weder praktikabel noch eine gute Idee, wohingegen eine Utopie zu probieren, äußerst lustvoll und/oder aufschlussreich zu sein verspricht. Utopien brauchen also Teststrecken, auf denen sich Modelle durchspielen lassen, welche konträr zum Status Quo verlaufen. Eine Teststrecke muss es sein, weil gesamtgesellschaftliche Umstrukturierungen kein Try-and-Error-Prinzip zulassen. Eine Utopieteststrecke2. Eine Utopieteststrecke für die Gemeinschaft, die – ja, was eigentlich? Wieder zusammenfinden muss? Zusammenfinden will? Was für Szenarien werden geschaffen? Was für Wege aufgezeigt oder verschleiert?
(3) Bisweilen ist es bereits die bloße gemeinsame Erfahrung, die das Gefühl von Gemeinschaft hervorrufen soll3. An anderer Stelle findet sich, dass das Fest über Entgrenzungsmomente einen liminoiden Raum4 erschaffen könne, der einer Festgemeinschaft als Ersatz für (wiederum verlorengegangene) liminale Rituale dienen kann. Gemeinsam trete man also durch ein Fest(ival) in einen neuen Seinszustand über. In solchen liminalen Zuständen verliere „das Individuum [im Fest] ein Stück seiner Autonomie, die es nur in der Gemeinschaft wiederfinden kann (…).“5

Die Gemeinschaft erscheint hier als Rettungsseil im Prozess der Entgrenzung des Selbst im Fest.
Teils wird Gemeinschaft als Voraussetzung für Festlichkeit angesehen, teils als Begleiterscheinung. Uwe Schultz macht in einigen Festtheorien aus, dass das Fest „seine Richtigkeit in Form und Teilnehmerzahl“6 verlange. Die Bildung einer (richtig proportionierten) Menge ist demnach Grundvoraussetzung für Gemeinschaft, welche wiederum das Grundbedürfnis des Feierns befriedigen soll.
Pragmatisch betrachtet, versammeln sowohl Fest als auch Festival zunächst eine große
Gruppe von Menschen an einem Ort. Dieses Ereignis ist von Rahmungswissen geprägt und daher nicht unbedingt für jede beliebige Person lesbar. Gemeinschaft bedeutet hier eben nicht die Inklusion aller, sondern nur einer bestimmten Gruppe und diese definiert sich besonders über die unvermeidliche Abgrenzung nach Außen. Die Teilnehmenden finden sich aufgrund eines bestimmten außeralltäglichen Anlasses zusammen, der sie dazu legitimiert, Festhandlungen im weitesten Sinne zu begehen. Im Rahmen dieser Festhandlungen können Grenzen überschritten und Regeln gebrochen werden. Dies ist nur so lange legitimiert, wie man Teil der Gemeinschaft ist. Utopie also nur für diejenigen, die sie zu lesen verstehen?
(4) Welche Wege kann ein utopisch orientiertes Festival strukturell gehen? Das moderne (Theater)Festival ist im Gegensatz zum Fest (und meist auch zum klassischen Festspiel) multizentrisch angelegt7 und biete daher eine Plattform für eine zeitgenössische, feiernde Gemeinschaft. Jennifer Elfert bezieht sich auf Paul Hugger, wenn sie „für die jüngste Vergangenheit und Gegenwart ein Fehlen zusammenhängender Sozialitäten“8 konstatiert. „»Nicht die Kontinuität, sondern die Diskontinuität ist [Anm. MT: beim modernen Massenfest] die Regel. Das soziokulturelle System ist ein anderes geworden. [...] das neue Fest ist nicht mehr Ausdruck einer geschlossenen Gesellschaft, sondern eher einer Massenkultur, die im Werden begriffen ist.« Ein »neues Fest« ist also nach wie vor denkbar, wenn auch nur in einer »Massenkultur«. Diese Kultur wäre jedoch nicht mehr auf die integrierende Funktion von Festen wirklich angewiesen.“9 Dies korrespondiert auch mit dem Fest bzw. der Festgemeinschaft als „Vehikel individueller Bedürfnisbefriedigungen bzw. individueller Befriedigung von Individualismusbedürfnissen“10, in welchen das Subjekt mehr aufgeht, sondern aus denen es individuell schöpft. Dass sich Gesellschaft nicht mehr primär durch das integrierende Element bzw. die Gemeinschaft auszeichnet, bedeutet für die zugehörigen Inszenierungen von Utopie, dass auch sie sich nicht ausschließlich auf die Erzeugung von Analogien verlassen können. Die Festivalcommunity muss sich demnach heute ebenso über Diversität wie über die Schaffung Gemeinschaften und Optionenvielfalt für diese Gemeinschaften und nicht über eine zentrale Einheit konstituieren. Reibungen werden nicht abgebaut, sondern produktiv gemacht. Zusammengehörigkeit wird zugunsten eines Nebeneinanders zurückgestellt: das Festival ist eben kein Fest, bei dem jeder Einzelne dieselbe Erfahrung teilt (beispielsweise über einen ritualisierten Ablauf wie in vielen religiösen Festen), sondern ein vielgestaltiger, unübersichtlicher Raum mit hoher Personenfluktuation. Es ist eben „für jeden etwas dabei“ – nur nicht zur selben Zeit am selben Ort.
In den Festsituationen schöpft das Individuum also sowohl aus der Begegnung und Reibung mit dem Fremden und Anderen, als auch mit dem Bekannten und Affirmativen. Utopische Gemeinschaft verwirklicht demnach die Utopie der Verträglichkeit und Produktivität des Unvereinbaren, was eine zunehmend zentrale Aufgabe für die zeitgenössische (globalisierte, diversifizierte) Gesellschaft darstellt. Diese Verwirklichung geschieht jedoch immer selbstbezüglich und nicht auf ein imaginäres, festives Zentrum oder Ganzes hin gerichtet, welches sich außerhalb des Individuums befände.
(5) Kleine Textanalyse
„An Bord ihrer Arche inszeniert die portugiesische Performancegruppe Há.Que.Dizê.Lo  eine Party, die die Zeit aus den Angeln hebt und jede und jeden zu einem Teil des Ganzen werden lässt. Die Performer>innen präsentieren ihre Auseinandersetzung mit deutschen Autoren, wie Heiner Müller und Walter Benjamin und bewachen als geliebte Engel, Mensch gewordene Utopien, den Fortgang des Festes. Wir, die Mitfeiernden werden zu Egotopisten. Wir treten in Wettbewerbe oder entziehen uns. Wir trinken Guinness oder bleiben nüchtern. Und im Rausch des prüfenden Engelszüngelns “Wie weit wollt ihr gehen für den Moment des Glücks?” reden, tanzen, essen und küssen wir. Wir spüren: weit können wir gehen in dieser Nacht!“11
Für mich klingt es nach Leichtigkeit, aber auch Schwüle, ein wenig Risiko, aber nicht zuviel, nach einem Rahmen, indem vermutlich etwas Eigeninitiative gefordet ist, um einsteigen zu können, nach einer gewissen Auswahl und Verspieltheit (und ein wenig Kunst mittendrin). Für meine Mutter klingt es vermutlich nach einer stark entschärften Version der Schlossszene aus Kubricks Eyes Wide Shut auf LSD.
Es ist die Rede von „Arche“, also einem Zufluchtsort jenseits der realen räumlichen Vorstellungskraft, welcher in der Lage ist, eine ganze Welt in sich aufzunehmen und vor der Flut eines unwirtlichen Draußen zu bewahren. Eine Arche trägt die Masse durch den Sturm zu sicheren Ufern, sie vollzieht als temporärer Ort einen Transit. Ein Transit auch für die BesucherInnen, die zu „Egotopisten“ werden. Ob das Individuum nun dadurch selbst zur Arche werden soll oder zur Ego-Maschine bleibt offen, klar ist nur: man wird in einen anderen Seinszustand eintreten. In diesem Zustand kann man Guiness trinken oder nüchtern bleiben, in Wettbewerbe treten oder sich entziehen. Dem potentiellen Gast wird die Optionenvielfalt an Beispielen vorgeführt, die schätzungsweise auch die beiden Pole der Party markieren werden. Es wird weiterhin eine Herausforderung formuliert: “Wie weit wollt ihr gehen für den Moment des Glücks?” Es gilt, Grenzen zu überschreiten, vielleicht einen Preis für das Fest zu zahlen, im welches man sich begeben hat. Gleichzeitig birgt diese Herausforderung auch ein Versprechen: ein Moment des Glücks. Ist das alles, was man von einer Utopie erwarten kann, in einer Zeit, in der das Individuum nicht mehr in der Gemeinschaft aufgeht? Vielleicht ja. Vielleicht ist das aber auch genug – oder einfach genau das, was man braucht, wenn die Utopie doch nach wie vor ziemlich unerreichbar bleibt. Lassen wir uns überraschen.

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1    Negative Utopien werden als Dystopien bezeichnet.

2    Vgl. z.B. Bringmann, Klaus: Der Triumph des Imperators und die Saturnalien der Sklaven in Rom. In: Schultz, Uwe: DAS FEST. Beck Verlag, München: 1988, S. 57: „Die soziale Utopie bemächtigte sich des alten ländlichen Festes, dessen Ursprünge einer kosmopolitischen Stadtkultur ohnehin ferngerückt waren, und sie deutete es als Relikt eines Zeitalters sozialer Gerechtigkeit, in dem niemand Sklave war und niemand privaten Besitz hatte. Aber wenn schon soziale Gerechtigkeit ein Traum war (denn schließlich hatte Saturn seine Herrschaft Jupiter abtreten müssen), so mußte doch alles getan werden, damit die Woche, die unter der Herrschaft des Saturns stand, einen Abglanz der alten Herrlichkeit bot.“

3    Vgl. z.B. Schultz, Uwe (Hg.): DAS FEST. Beck Verlag, München: 1988

4    Vgl. „Feste lassen sich als cultural performances definieren, die sich durch die doppelte Dialektik von Liminalität und Periodizität einerseits sowie von Regelhaftigkeit und Transgression andererseits auszeichnen.“ Fischer-Lichte, E.; Warstat, M.: Einleitung Staging Festivity. Theater und Fest in Europa. In: Fischer-Lichte, E.; Warstat, M. et al. (Hg.): STAGING FESTIVITY, Francke Verlag, Tübingen: 2009

5    Schulz, Uwe: Vorwort. Das Wesen, das feiert. In: Schulz, Uwe: DAS FEST. Beck Verlag, München: 1988, S. 9

6  Ebd., S. 10

7    Vgl. auch die Festivaldefinition nach Fischer-Lichte, E.; Warstat, M.: Einleitung Staging Festivity. In: Fischer- Lichte, E. (et al.) (Hg.): STAGING FESTIVITY. Francke Verlag, Tübingen: 2009, S. 15

8    Elfert, Jennifer: THEATERFESTIVALS. GESCHICHTE UND KRITIK EINES KULTURELLEN ORGANISATIONSMODELLS, Transcript Verlag, Bielefeld: 2009, S. 75

9 Ebd. 10 Willems, Herbert: Events: Kultur – Identität – Marketing. In: Fischer-Lichte, Erika et al. (Hg.): PERFORMATIVITÄT UND EREIGNIS. Francke Verlag, Tübingen: 2003, S. 88f.

11 Vgl. http://www.transeuropa-festival.de/2012/produktion/residenzen/schlaraffen/ (verifiziert am 23.4.2012)

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