Festivals müssen sich mit ihrem Ort auseinandersetzen

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Haiko Pfost studierte Theaterwissenschaft, Religions- und Kulturwissenschaft, sowie Psychologie an der Freien und an der Humboldt-Universität in Berlin. 2003 bis 2004 war er als Assistent der Künstlerischen Leitung und Dramaturg des Festivals Theaterformen in Braunschweig und Hannover tätig. 2004 kuratierte und leitete er die Eröffnungsveranstaltung des Projektes Volkspalast, der kulturellen Zwischennutzung des Palasts der Republik Berlin. 2005 machte er verschiedene EU-Projekte sowie Programm und Dramaturgie des Projektes Volkspalast – DER BERG im Palast der Republik in Berlin. 2006 realisierte er die Projekte Writing Acts und Campshow Steiermark für den steirischen herbst in Graz sowie Projektleitung Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen im Rahmen der Eröffnung des Tanzkongress Deutschland. 2007 und 2009 war er Programm-dramaturg der 14. Internationalen Schillertage in Mannheim. Seit 1. Juli 2007 leitet er gemeinsam mit Thomas Frank das brut – Koproduktionshaus Wien GmbH, 2010 / 2011 war er in der Programmjury des Festivals Politik im Freien Theater.

Die kuratorische Klammer

Pfost sieht Kuration als neuen Begriff für eine Tätigkeit, die verschiedene dramaturgische Aufgabenfelder miteinander verbindet. Die von Marianne Van Kerkhoven entwickelten Aufgabenfelder, die zwischen Stadttheater-, Produktions- und Festivaldramaturgie unterscheiden, seien nicht mehr aktuell. Beispielsweise produzieren Festivals immer häufiger selbst; viele wollen dem Anspruch gerecht werden, auch Uraufführungen zu zeigen. Es haben sich also ganz neue Anforderungen an diese Arbeit ergeben, sodass die Notwendigkeit entsteht, auch einen neuen Begriff dafür zu prägen: den der Kuration.

Nach seinen Erfahrungen beim Deutschen Schauspielhaus im Jahre 2001/02 definierte Pfost für sich eine „kuratorische Klammer“: Kuratieren bedeutet für ihn, sich mit den gegebenen Bedingungen auseinanderzusetzen und daraus künstlerisches Potenzial zu entwickeln. Das beinhaltet unter anderem die Suche nach Formaten und das Entwickeln von Projekten anhand bestimmter Voraussetzungen.

Der Wechsel zum Festival Theaterformen rückte für ihn den Bezug  zwischen einem Festival und dem Ort, an dem es stattfindet, in besonderer Weise ins Bewusstsein: „Ich finde es nicht gut, wenn sich die kuratorische Handschrift allein über den Kurator oder die Festivalleitung vermittelt und das Festival nichts mit dem Ort zu tun hat.“

Suche nach dem Lokalen

Als Pfost für den Steirischen Herbst als Festivaldramaturg tätig wurde, wünschte er sich darum von Anfang an, das Festival zusammen mit den Ortsansässigen zu entwickeln. Damals beschäftigte sich aber ein internationales Board damit, ein Thema zu suchen, zu dem man sich dann mit einem Konzept bewerben konnte. Den Ansatz, den lokalen Künstler_innen und Leuten Vorgaben von oben zu machen, empfand Pfost als unbefriedigend.

Daher gab er seine Position als Festivaldramaturg auf und entwickelte als freier Projektleiter zusammen mit verschiedenen Künstler_innen eigene Projekte vor Ort. Beispielsweise waren die Performer_innen mit Wohnwagen in unterschiedlichen Städten und Dörfern im Umland von Graz unterwegs. Jeden Abend kam einer der Wohnwagen zum Festival zurück und die Performer_innen erzählten, was sie in den letzten Tagen erlebt hatten. Der Versuch, unterschiedliche Zugänge für verschiedene Milieus zu schaffen, stand dabei im Mittelpunkt von Pfosts Interesse.

Vorgaben und Kriterien

Wenn Kurator_innen Vorgaben durch die Festivalorganisation erhalten, empfindet Pfost das nicht immer nur einschränkend. Oft gestalte sich die Kuration sogar schwieriger, wenn alles frei stehe. Die Arbeit für die Schillertage im Jahre 2007 fand er daher eine spannende Herausforderung, weil er anhand bestimmter Kriterien, und somit innerhalb eines Rasters, arbeiten musste. Umso wichtiger werde es dann, eine Festivaldramaturgie im Auge zu behalten, in der es einen Anfang gibt, ein Ende und einen Höhepunkt, und dabei unterschiedlichste Theaterformen, Ästhetiken und Zugangsweisen zu präsentieren.

Schwierig wird es für Pfost allerdings, wenn die Kuration im Nachhinein einem Leitthema als Hilfskonstruktion für Publikum und Marketing untergeordnet wird.

Ruf nach Wien

Zeitgleich mit der Arbeit für die Schillertage erhielt Pfost das Angebot, gemeinsam mit Thomas Frank von den sophiensaelen Berlin ein internationales Koproduktionshaus in Wien aufzubauen. Er entschied sich, die Aufgaben für die Schillertage zu teilen und in der folgenden Ausgabe eher beratend tätig zu sein und ging nach Österreich, um das brut Wien zu gründen. Eine der Hauptaufträge des brut ist die internationale Vernetzung der Wiener Szene. Produktionen mit lokalen Künstler_innen und internationale Gastspiele zu präsentieren, gehört dabei genauso zum Programm wie Konzerte und Partys. Für Pfost ist entscheidend, dass eine Gesamtdramaturgie erkennbar wird, denn gerade in Wien definieren sich die Häuser über besonders klare Profile.

Pfost liegt viel daran, eine langfristige Zusammenarbeit mit Gruppen anzustreben, um ihre künstlerische Entwicklung verfolgen zu können und der Konkurrenz um Produktionen unter den Spielstätten entgegenzuwirken. Aus diesem Grund umfasst die Betreuung der Produktionen nicht nur eine künstlerische Beratung, sondern auch Touring-Management – ein „Komplett-Service-Paket“.

Das optimale Festival

„Für mich ist ein optimales Festival eines, das lokal angebunden ist, versucht, sich mit den Leuten vor Ort thematisch auseinanderzusetzen und daraufhin eine kuratorische Setzung zu machen, die dann in vielfältigsten Formen bearbeitet werden kann. Das heißt  man sollte die Möglichkeit haben, sowohl Gastspiele einzuladen, als auch Auftragsarbeiten zu geben, und das möglichst in einem interdisziplinären Spektrum, und gleichzeitig versuchen, das dann im Programm als Gesamtheit lesbar zu machen.“

Aufgezeichnet von Pamina Dittmann

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