Formate neu erfinden ist das Kerngeschäft

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Stefanie Wenner, Dr. phil., studierte Philosophie, Soziologie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bologna, Köln und Berlin und promovierte an der FU Berlin im Fach Philosophie. Kuratorin, Dramaturgin und Autorin, außerdem Dozentin an verschiedenen Universitäten und Hochschulen (FU Berlin, HMT Leipzig u.a.). Seit 2003 kuratierte sie frei am HAU Berlin (Hebbel am Ufer), war als fest angestellte Kuratorin von 2008-2012 dort tätig und u.a. verantwortlich für die Festivals „Kunst und Verbrechen. Art without Crime“, „Your Nanny hates you! Ein Festival zum Thema Familie“, „ZELLEN“ und „Lunapark Berlin“. Seit Januar 2012 arbeitet sie als Kuratorin und Dramaturgin für die Impulse Theater Biennale 2013.

Stefanie Wenner versteht das Kuratieren in den performativen Künsten als das „Pflegen einer Szene und eines Austausches“. Dabei steht der Kuratorin bzw. dem Kurator immer auch die Entscheidung an, was sie mit seiner und ihrer Auswahl in das kulturelle Erbe einer Gesellschaft einpflegen will. Kuratieren bedeutet auch, Sichtbarkeit für Arbeiten zu schaffen. Die Wahl der Kuratorin und des Kurators ist dabei nicht vollkommen frei, sondern wird von ökonomischen und strukturellen Bedingungen beeinflusst: „Bestimmte Produktionsbedingungen bringen ein bestimmtes Produkt hervor.“

Die Gratwanderung der Auswahl verläuft also zwischen strukturellen Bedingungen, persönlichen Interessen und Vorlieben – und dem, was dem Publikum wahrscheinlich gefällt. So entsteht eine Mischung aus „sicheren Nummern“ und „experimentelleren Sachen“. Dabei sollte die Kuratorin und der Kurator „nicht zu viel gucken, wie die anderen es machen“, sondern vor allem „das machen, woran man glaubt“. Am wichtigsten ist es, so betont Wenner, „viel über Formate nachzudenken – Formate neu erfinden ist das Kerngeschäft.“ So sollte man, um nicht nur zu programmieren, sondern um zu kuratieren, zum Beispiel immer ein Format für das ganze Festival entwickeln und damit einen Mehrwert schaffen, für Leute die das Festival im Gesamten mitnehmen.

War das HAU unter der Leitung von Matthias Lilienthal ein ganzjähriges Festival?

Das HAU wies in seiner Struktur Ähnlichkeiten zu Festivals auf: Es hatte kein festes Repertoire (außer im Falle der Wiederaufnahme) und kein festes Ensemble. Es fungierte als „Durchlauferhitzer“ für alle Arten von Gruppen und Produktionen, aber besonders für junge Künstler_innen. Das Haus bot vielen heterogenen Gruppen die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu zeigen. Oft erreichte das HAU damit eine „Dehnung des Formats Theater“. Grundsätzlich gibt es jedoch keine Linie, nach der das Programm ausgerichtet war, genauso wie es keine Position im Haus gab, deren Handschrift alleinig das Programm prägte.

Wie unterscheidet sich das Kuratieren eines Festivals von der anderen Arbeit am HAU?

Da es unter der Leitung von Lilienthal am HAU so viele Festivals gab und die Hausstruktur Festivalstrukturen ähnelte, flossen diese beiden Arbeitsbereiche stark ineinander. Die Arbeitsweise unterscheidete sich je nach Festival und Format. „Polski-Express“ kann hier als ein Beispiel für klassisches Kuratieren genannt werden, während sich andere Themen auch während dem laufenden Betrieb verdichteten und dann zu den bekannten Themenwochenenden ausgearbeitet wurden. Hier erfolgt häufig eine Verbindung von wissenschaftlichen Vorträgen und künstlerischer Arbeit. Wenners Ziel ist es, diese Verbindung über die bloß thematische Dimension hinausgehen zu lassen und nicht nur ein themenbezogenes Vortragsprogramm an die Seite des künstlerischen Programms zu stellen.

Beispiele für gelungene Verbindungen von Wissenschaft und Kunst sind die Gesprächsspaziergänge im Projekt „Lunapark“ und Lectures, die während „Zellen“ im bepflanzten HAU gehalten wurden, während parallel am Garten gearbeitet wurde. Nach Wenner geht es hier darum, neue Perspektiven auf Theater und Ästhetik zu eröffnen. Generell gelten Programm und „Rahmenprogramm“ für Stefanie Wenner als gleichwertig und sollten auch entsprechend behandelt werden, dabei ist wichtig, dass beide Programmteile sich gegenseitig ergänzen und nicht ausstechen oder überlagern. Die kuratorische Auswahl muss hier nach Ort, Thema und Publikum getroffen werden.

Wie relevant ist es in der freien Szene ein festes Haus zu haben?

Ein festes Haus ist relevant, weil es einen Gegenpol zur Flüchtigkeit bietet, die in der freien Szene sehr verbreitet ist. Außerdem bietet es einen Reibungspunkt zur konventionellen Struktur. Stefanie Wenner weist darauf hin, dass seit 2003 (HAU-Gründung) eine Professionalisierung der freien Szene stattfindet, die auch mit einer Entpolitisierung einhergeht. Der Kampfbegriff „freie Szene“ fällt weg. Wichtig ist, dass es Möglichkeiten gibt, zu produzieren ohne sich in die bestehenden Stadttheaterstrukturen einfügen zu müssen.

Hier greift das HAU auch als Institution der Nachwuchspflege. Es bietet weiterhin gemeinsam mit den sophiensælen mit dem 100 Grad Festival eine unkuratierte Plattform für junge Künstler_innen und Gruppen und bot mit dem Format „Kasino“ im Sommer 2011 die Möglichkeit zwei Wochen zu einem Thema am HAU zu arbeiten, die Ressourcen des Hauses zu nutzen und sich auszuprobieren. Die Produktionsbedingungen am HAU waren nicht sehr komfortabel und es wäre dringend nötig, sie zu verbessern. Andererseits ist das HAU einer der wenigen Orte in Berlin, an dem jungen Künstler_innen überhaupt die Chance zum Produzieren gegeben wird. Daher sollten so viele dieser Chancen wie möglich geschaffen und möglichst breit gefächert verteilt werden. Dabei ist eine Begleitung der Produktionen von Dramaturgie oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sinnvoll, damit die jungen Künstler_innen Formen des flexiblen Produzierens kennenlernen.

Der Stand als festes Haus der freien Szene ist unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit besonders relevant. Denn bei den Festivals der freien Szene geht es um den neuen Blick auf Themen, Orte und Gesellschaft. Festivals funktionieren damit aber nur temporär und Nachhaltigkeit muss über andere Wege gefunden und gesichert werden.

Aufgezeichnet von Kristin Grün
transeuropa2012

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