Gedanken zum Festivalfinale des State of the Art+ 2011

POSTED IN Blog

von Carolin Gerlach, Michael Kranixfeld und Felix Worpenberg
verfasst mit Google Docs in sechzig Minuten

Was macht man mit einem Festival, dessen Aufführungsprogramm unkuratiert ist?

State of the Art richtet sich als Festival an die Gemeinschaft der in den Szenischen Künsten praktizierenden Studierenden der Universität Hildesheim. Zu Beginn eines jeden Wintersemesters terminiert, ist State of the Art eine Wiedersehensfeier und ein Fest der Kritik zugleich. Als Kurator_innen war es uns wichtig, die gemeinschaftlichen Aspekte des Festivals zu betonen. Dazu luden wir Alumni ein, die neue Generation zu beobachten und zu begleiten. Wir initiierten Räume, in denen Aufführende und Publikum in Dialog über das gemeinsam Erlebte treten konnten, um sich gegenseitig ihre Aufführungserfahrungen zu schildern und zu vergleichen, anstatt mit wertenden Urteilen die Inszenierungen zu analysieren.

Ein Gespräch über Theater wird für uns dann interessant, wenn sowohl ästhetische Erfahrung als auch künstlerische Strategien, Positionen und Arbeitsweisen diskutiert werden. Alleinstellungsmerkmal von aufführenden (Theater) im Vergleich zu vorführenden (Film) Künsten ist der Dialog in der Aufführungssituationen zwischen Inszenierungsinitiierenden und Vorstellungsbesuchenden als gemeinsamen Aufführungsanwesenden. Einem solchen Dialog auch nach dem offiziellen Inszenierungsende Raum und Format zu geben, ist unser kuratorisches Selbstverständnis als Organisationsteam eines Nachgesprächsfestivals. Wir möchten alle Parteien, die eine Aufführung zusammen gestaltet haben, im Anschluss zum Austausch individuell erfahrener und doch geteilter Ereignisse zusammenbringen. Denn in solchen Situationen wird nicht nur das Verhältnis von beiden zueinander verhandelt, sondern auch, wie gemeinsam Wissen produziert werden kann.

Darüber hinaus erfanden wir mit der Manifesteschau einen gemeinschaftlichen Abschluss des Festivals, an dem sich noch einmal alle Beteiligten zusammenfinden und über ihre verschiedenen Arbeitsweisen und Künstler_innen-Selbstverständnisse ins Gespräch kommen sollten. Wo standen die Gruppen zum Zeitpunkt des Festivals; und wohin strebten sie? Erst in der Zweigleisigkeit von ästhetischer und konzeptioneller Diskussion sollte sich ein umfassendes Verständnis der (eigenen) künstlerischen Arbeiten ergeben.

Kuratiert man ein Diskursfestival, das diesem Anspruch auch gerecht werden möchte, sollte man sein Publikum und seine Darstellenden nicht nur ernst, sondern auch in die Pflicht nehmen.

Schon bei der Anmeldung zum Festival mussten die Gruppen einwilligen, ein Manifest zu verfassen. Als Festivalgestaltende drangen wir mit dieser Aufgabe tief in den jeweiligen Gruppenprozess ein. Wir erwarteten, dass jeder künstlerische Prozess von einer formulierbaren Haltung zur eigenen Arbeitsweise, Gruppenstruktur und gewählten Themen bestimmt wird.
Die Form Manifest wird dabei als ästhetisches Darstellungsmittel begriffen; als Form, in der die Gruppen sich bewegen und ausdrücken müssen. Es dient nicht zur Festlegung der Künstler_innen auf eine künstlerische Haltung, sondern als gestalterisches Mittel, um durch Selbstpositionierung einen Austausch der Gruppen untereinander sowie mit ihrem Publikum anzuregen. Dem Titel des Festivals entsprechend, soll das Manifest anstatt ewig gültiger Tatsachen eher Bestandsaufnahme des Hier und Jetzt sein. Eine Status Quo-Benennung statt einer Faustregel.

Nach ihren Manifesten befragt, präsentierten die teilnehmenden Gruppen sehr divergente 5-Minuten-Auftritte. Teilweise manifest-verweigernd tanzend, lokal-politisch im Stuhlkreis mit sich selbst diskutierend oder gar Suppe löffelnd zeigten sie Ausschnitte ihrer künstlerischen Haltungen, die zur Mutmaßung veranlassen, ihre Kunst sei satt und genüge sich selbst.

Als Veranstaltende blieben wir verwundert zurück. War die teilweise erlebte Verweigerung schlichtweg Berührungsangst mit dem Format der verschriftlichten Selbstaussage, dem Manifest, oder absichtsvolles Nicht-Festlegen-Wollen auf gruppen-interne Gemeinsamkeiten? Im letzteren Fall bleibt anzuregen, dass auch die „Verweigerung einer Selbstaussage“ eine Selbstaussage darstellt. Dies verinnerlichte auch eine der Performancegruppen und äußerte ihre Manifest-Anti-Haltung in einem vier Minuten lang durchgehaltenem monotonen Tanz, der auf die vorgelesene Feststellung folgte: “Wir haben kein Manifest. Wir können kein Manifest haben. Unser Interesse liegt einfach nicht beim Dogma. Wir haben überlegt, wenn es darum ginge, eine Republik auszurufen oder eine Republik im Theater zu begründen, dann bräuchten wir natürlich ein Manifest. (…) Wenn wir eines lieben, dann ist es die Fröhlichkeit und das Zusammensein und deswegen machen wir jetzt diese Musik.“

Hinter der von uns gestellten Aufgabe, ein Manifest zu verfassen, verbarg sich die Frage: Was ist ein Manifest heute? Wie muss und kann mit der Idee eines niederschreibbaren Weltkonzeptes heute umgegangen werden? Welche flexiblen, nachmodernen Möglichkeiten stehen uns offen, um Standpunkte klar zu formulieren und zur Diskussion stellen zu können ohne naiv zu wirken? Welche Geltungsdauer müssen Manifeste haben? Wie lang muss ihr Wahrheitsanspruch bestehen bleiben?

Als Mittel der Selbstdarstellung und -positionierung erlaubt ein künstlerisches Manifest den Zuschauenden, einen bestimmten Zugang zur künstlerischen Arbeit zu bekommen, von dem aus man sich annähern kann. Mit dem Manifest kann man sich im Spielfeld zwischen Selbstreflexion und Behauptung und abseits aller Gültigkeitsansprüche einer historischen Avantgarde bewegen. So wird es zur Diskussiongrundlage.

Herausforderung für das State of the Art 2012 wird einerseits sein, die aufführenden Künstler_innen zum Formulieren selbstbewusster Manifest-Aussagen zu bewegen, als auch andererseits herauszufinden, ob und wie ein gemeinsames Manifest formuliert werden könnte, dessen geteilte Basis alle Festivalteilnehmenden zur Standortbestimmung im Spielfeld der inszenierten Künste zusammenbringt.
Hierzu wird es notwendig sein, die Gruppen von Anfang an noch stärker in die Organisation des Festivals einzubeziehen. Die kuratorische Aufgabe wäre demnach nicht, zusätzliche Veranstaltungen für die Künstler_innen zu planen, sondern von und mit den teilnehmenden Kunstschaffenden einen Entscheidungsprozess zu designen, in dem alle Gruppen gemeinsam diskutieren können, ob und wie sie sich während des Festivals begegnen möchten. Die Balance zwischen initiativer Kuration und devotem Dienst am Gruppenwillen zu finden, wird dabei die zentrale Aufgabe sein. Als Festivalteam begreifen wir uns weniger als infrastrukturschaffende Organisator_innen von Bühnennutzungsplänen oder Öffentlichkeitsarbeiter_innen  der Künstler_innengruppen, sondern vielmehr als formaterfindende, diskursanregende, Kurator_innen, die zum Neu- und Umdenken einladen; auf dass Experimente möglich werden, Hybride hervorgehen, kollektive Kreativprozesse entstehen!

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